Vegane Spurensuche

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// Auf der Suche nach den Wurzeln einer rein pflanzlichen Ernährung

Ich wurde in den letzten Monaten öfter gefragt, wie ich denn eigentlich Veganer geworden bin. Ich war selbst etwas überrascht, aber eine wirklich treffende Antwort hatte ich nicht. Daher habe ich mich auf Spurensuche begeben und mir einige Gedanken dazu gemacht, welche Beweggründe und Auslöser es geben kann, die zu solch einer weitreichenden Entscheidung führen. Ich werde ganz frech von mir auf andere schließen und versuchen die verschiedenen Ursachen an meinem eigenen Beispiel aufzudröseln.

Hätte mir jemand vor drei Jahren erzählt, dass ich in gar nicht allzu langer Zeit auf eine vegane Ernährung umstellen würde, hätte ich ihm vermutlich den Vogel gezeigt. Eine Freundin meiner damaligen Mitbewohnerin war Veganerin. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern was ich davon hielt, ich vermute, dass ich das vielleicht „ganz interessant“ fand. Aber im Grunde war mir der Geschmack von Fleisch und Ei viel zu lieb, als dass ich auch nur daran gedacht hätte darauf zu verzichten. Wenige Monate später habe ich ein Praktikum am Set einer Serienfilmproduktion gemacht. Einer der Praktikanten war Veganer. Beim gemeinsamen Mittagessen ist mir zum ersten Mal so wirklich aufgefallen, was ohne tierische Nahrungsmittel alles „wegfällt“. All das war jedoch noch lange kein Anlass meine eigene Esskultur ernsthaft zu überdenken. Ich hatte von zu Hause aus schon immer eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung kennen gelernt, mir ging es gut, also warum etwas ändern?

Wenig später, vielleicht auch noch während des Praktikums, bin ich auf den Film Earthlings gestoßen. Nach den 95 Minuten schwerer „Kost“ habe ich zwei Monate kein Fleisch mehr gegessen. In diesem Film werden schockierende Bilder aus Haustierzucht, Nahrungs- und Bekleidungsindustrie und aus quasi allen anderen Bereichen gezeigt, in denen Tiere zu Schaden kommen. Diesen Film kann ich jedem empfehlen, der ihn noch nicht bereits gesehen hat und sein Bewusstsein dafür schärfen möchte. Warum ich dann wieder angefangen habe Fleisch zu essen? Ich weiß es nicht mehr. Ich nehme an, dass sich das einfach wieder eingespielt hat, zurück zum alltäglichen. Die Bilder im Kopf sind nach ein paar Tagen vergessen und das Fleisch auf den anderen Tellern duftet verlockend. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ein paar Jahre in die Vergangenheit reisen. Damals in der 9. Klasse (Die Zahl „9“ kann durch alle Zahlen von 7 bis 10 ersetzt werden, aber so sieht es schöner aus) im Biologie Unterricht haben wir von unserem Lehrer Filme und Fakten zu Themen wie „Massentierhaltung“, „Umweltverschmutzung“ und „Rasch-Zunehmende-Weltbevölkerung“ vorgetrichtert bekommen. In dem Alter lagen „solche Dinge“ aber noch deutlich außerhalb der eigenen Wahrnehmung der Realität. Das passierte alles irgendwo da draußen hinter dem eigenen Horizont oder unter dem Meer. Das hat einen noch so jungen Menschen vielleicht peripher tangiert und war dann gleich wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Jedoch war schon zu diesem Zeitpunkt das wesentliche Wissen zu solchen Missständen die in der Mitte unserer Gesellschaft begraben liegen vorhanden. In unserem heutigen Informationszeitalter (ich mag dieses Wort nicht besonders, ist an dieser Stelle aber treffend) können wir jegliche Inhalte einfach abrufen, wir haben alles direkt vor der Nase. Das macht aber noch lange keinen Veganer.

Anfang 2014 habe ich dann mit einem meiner besten Freunde eine Reise nach Neuseeland gewagt. Allein die Distanz schafft eine andere Sicht auf die Welt. In einem fremden Land leben, neue Menschen kennen lernen und lernen wie fremde Mensch in anderen Ländern leben. Das weckt nicht nur Verständnis für andere Lebensweisen (oder wenigstens die Erkenntnis, dass es solche gibt). Es erweitert auch den eigenen Horizont und kann dazu führen, dass man Kultur, bisherige Gewohnheiten und Verhaltensweisen aus der eigenen Heimat hinterfragt. Gegen Ende der Reise war ich mit neu gewonnenen Freunden unterwegs. Unser Fleischkonsum hielt sich in Grenzen, da Fleisch nicht gerade das preiswerte Nahrungsmittel Nummer eins war. Wenige Wochen war ich dann mit einem übrig gebliebenen Reisegefährten in Australien. Er befasste sich in dieser Zeit intensiv mit Ernährungsthemen und steckte damit auch mich an. Darauf folgten ein paar Tage in Kuala Lumpur, wo ich mir nicht nur als Deutscher sondern auch als Europäer fremd und alleine vorkam. Das hat meine bisherige Wahrnehmung der Weltbevölkerung stark geändert. Wir sind unglaublich viele und wir Deutschen sind davon verschwindend wenige. Spätestens bei meiner Rückkehr nach Deutschland war für mich klar, dass ich eine vegane Ernährung ausprobieren wollte.

Welche dieser Ursachen und Anstöße in Richtung „Vegan“ der tatsächliche Auslöser war ist nicht wirklich fest zu machen. Meiner Einschätzung nach waren das viele kleine Tropfen, die irgendwann zwangsläufig das Fass zum überlaufen gebracht haben. Die vorhandenen Informationen aus dem Schulunterricht oder aus dem Internet reichen nicht aus. Wenn man genau schaut sind sie allgegenwärtig. Zu sehen, dass Tiere unter meinem Konsumverhalten leiden, hat mich zu keiner langfristigen Verhaltensänderung geführt. Zu sehen, dass andere Menschen vegan leben hat mich nicht direkt dazu bewegt die richtigen Fragen zu stellen. Allein dem geschärften Umwelt- und Selbstbewusstsein möchte ich eine tragende Rolle zusprechen, da dieses nach meiner Auffassung eine sinnvolle Verbindung zwischen den anderen Faktoren herstellen konnte. Da dieses Bewusstsein jedoch selbst aus vielen, nicht wirklich fest zu machenden Elementen an Erfahrungen entstanden ist, sehe ich auch darin keine eindeutige Hauptursache. Am Ende dieser Spurensuche liegt die Antwort also irgendwo in der Summe der Einzelteile und in einer undefinierten Zeit, nach der der Stein ins Rollen gerät, bei manchen früher, bei anderen später oder gar nicht. Apropos Zeit.

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